Deutsch-Färöischer Freundeskreis (DFF) e.V.
Färöische Nachrichten

22-jähriger Klaksvíkinger als Lebensretter

Färinger rettet deutsches Ehepaar vor dem Ertrinken im Mittelmeer

Der 22-jährige Färinger Hans Berg H. aus Klaksvík war im August dieses Jahres in Spanien zu Besuch bei seinem Vater Meinhard H., der in in La Marina bei Alicante wohnt. Hans Berg und seine Freundin Sólrun L. verbrachten ihre Sommerferien in seiner Wohnung.

Vor vielen Jahren ließen mein Vater und meine Mutter sich scheiden, sagt Hans Berg. Ich wohne bei meiner Mutter in Klaksvík, wo sie zusammen mit ihrem neuen Mann wohnt, besuche meinen Vater in Spanien aber so oft wie möglich. Weihnachten feiere ich meist dort und auch in den Herbstferien bin ich oft in dem kleinen Ort am Mittelmeer. Die Sommer verbringe ich eigentlich immer in La Marina. Mein Vater ist nicht immer zu Hause, wenn ich da bin. Er ist Seemann und ist oft in USA wo er als Kapitän eines großen Kreuzfahrtschiffes meist in der Karibik unterwegs ist.

Im Meer schwimmen

Im Sommer ist es sehr warm in Spanien. Sehr oft 30 bis 35°C. Meine Freundin und ich verbrachten unsere Sommerferien im August dieses Jahres in La Marina bei Alicante in der Wohnung meines Vaters. Dieser Sommer machte keine Ausnahme, es war unglaublich warm als wir da waren.

Wir verbrachten viel Zeit am Strand und an diesem Tag, worüber wir gerade sprechen, war es ein gewöhnlicher Sommertag. Es war unerträglich heiß. Sólrun genießt es immer, in der Sonne zu liegen, aber das ist gar nicht mein Ding. Ich ging lieber schwimmen um mich ein wenig abzukühlen.

Am Badestrand ist ein Turm von wo aus die Lebensretter den Strandabschnitt bewachen. Dann und wann gibt es sehr starke Strömung am Strand. Um auf die Strömungen aufmerksam zu machen, werden Flaggen am Turm gehießt. Grün für keine Strömung, gelb für mäßige Strömung und rot für starke Strömung. Obwohl vor dem Strand anhand von Schildern auf die Flaggen und auf die gefährlichen Strömungen hingewiesen wird, gehen die Leute trotz roter Flagge im Meer schwimmen.

An diesem Tag war eine starke Strömung und die rote Flagge flatterte an dem Turm im Wind. Ich hatte Spaß am Schwimmen in den Wellen, im Rauschen der Wellen und in den Strömungen. Für mich ist die Strömung kein Problem, obwohl ich kein Eliteschwimmer bin.

Es war irgendwie merkwürdig

Nach einer halben Stunde schwimmen entschied ich wieder an Land zu gehen. Da merkte ich auf einmal, dass die Strömung mich gepackt hatte. Jedes Mal, wenn eine Welle kam, ging ich Richtung Land, doch im Wellental zog mich der Unterstrom wieder nach draußen. Ich musste mit allen meinen Kräften schwimmen um gegen die Strömung in den Wellentälern anzukommen. Die Strömung war ungemein stark an diesem Tag. Während des Schwimmens kam ich an einem Mann vorbei, der ein wenig sonderbar aussah. Er lag auf dem Rücken und plantschte mit den Händen, während die Wellen ihn überspülten. Es kam mir ein wenig merkwürdig vor und so beschloss ich um ihn herum zu schwimmen um die Situation genauer zu prüfen.

Dann hörte ich ihn drei Mal den Nahmen Elena rufen. Sie schwamm offenbar auch hier draußen in der Strömung. Außerdem rief er drei Mal ein Wort, das ich nicht verstand. Ich schwamm zu ihm hinüber und fragte ihn auf Englisch, ob er Hilfe bräuchte. Er verstand mich aber nicht, weshalb ich ihm die Hand reichte. Er fasste sie sofort und ich verstand, dass der Mann sich in Not befand.

Guter Rat ist teuer

Ich legte meine Arme um ihn herum und versuchte mit ihm an Land zu schwimmen. Aber das war gar nicht so leicht getan wie gesagt. Jedes Mal, wenn eine Welle uns in Richtung Strand drückte, zog uns der Unterstrom des folgenden Wellentales in die entgegengesetzte Richtung, bevor dann die nächste Welle kam.

Nun war guter Rat teuer. Ich bin von Natur ein wenig ungeduldig. Nur nicht übereilen dachte ich, was aber sollte ich tun? Ich dachte einen Moment nach. Ich wusste, dass wenn ich mich von ihm losmachte, dann war er verloren. In dieser ernsten Situation war es mir eine große Hilfe, dass ich einmal einen Sicherheitskurs in der Navigationsschule in Klaksvík gemacht hatte. Keine Panik also.

Zu nichts mehr fähig

Wo wir schwammen, konnten wir nicht stehen. Ich beschloss, den Mann mit mir von den Wellen Richtung Strand treiben zu lassen und in den Wellentälern, wenn uns die Unterströmung erfasste, gegen die Strömung anzuschwimmen. So konnte uns die Strömung nicht so weit heraus ziehen und ich hatte eine kurze Verschnaufpause, während wir von den Wellen in Richtung Strand getragen wurden. Wie gedacht, so getan. Und es funktionierte. Allmählich kamen wir dem Strand immer näher.

Als wir so nah an den Strand gekommen waren, dass ich stehen konnte, stieß ich mich in den Wellentälern mit den Füßen in Richtung Strand. Der Mann war zu nichts mehr fähig, sagte nichts, und hing nur in meinen Armen. Weiter oben am Strand, stützte er sich aber dann mit den Füßen ab.

Schließlich konnte er endlich selbst gehen. Ich drehte ich mich um und sah seine Frau, etwa an der Stelle wo wir zuvor schwammen. Ich ließ den Mann los, weil er sich offensichtlich nun selbst weiter helfen konnte. Ich schwamm zu ihr hin, legte meine Arme um sie und schwamm mir ihr zurück zum Strand. Das war eine erheblich leichtere Aufgabe, denn sie war nicht so schwer wie ihr Mann. Aber sie konnte nicht einmal schwimmen; also musste ich sie den ganzen Weg alleine schwimmen. Später erzählte sie mir, dass sie überhaupt nicht schwimmen könne, versuchte aber aus Liebe zu ihrem Mann ihm zu helfen. Er hatte ein schwaches Herz und sie glaubte, dass er Herzprobleme hatte und deswegen nach ihr rief. Von der gefährlichen und starken Strömung an dem Strand wusste sie nichts.

“Danke” war das einzige Wort

Die Frau war also auch im Wasser während ihr Ehemann draußen schwamm. Sie konnte aber nicht schwimmen, nur waten. Als sie aber dann ihren Mann in Not sah, versuchte sie ihm zur Hilfe zu kommen, watete dann aber zu weit hinaus.

Während wir beide gut in Richtung Strand voran kamen, verlor sie ihre Sonnenbrille. Also tauchte ich für sie hinunter, um die Sonnenbrille wieder hoch zu holen. Ich zog sie den ganzen Weg zum Strand schwimmend und obwohl wir uns in den Wellentälern hätten abstoßen können, benutzten wir die Beine nicht, sondern schwammen. Ich brachte sie bis zu ihrem Mann am Strand. Sie schien dort ein bisschen verwirrt zu sein und wusste nicht wohin. Die beiden sagten nichts zueinander, saßen nur dort und schwiegen. “Danke” sagte der Mann dann, das war das einzige. Mehr Kommunikation zwischen uns gab es in dem Moment nicht.

Ich ging zu Sólrun rüber, die ein wenig abseits von den Deutschen saß. Sólrun hatte nicht gesehen was passiert war, bekam aber mit, wie ich mit einer Dame an der Hand aus dem Wasser an den Strand kam. Sie dachte erst, ich hätte der Dame schwimmen beigebracht oder so etwas.

Das Ehepaar saß nach wie vor am Strand und redete noch immer nicht miteinander. Sólrun sagte zu mir, ich könnte ihnen etwas Wasser bringen. Das tat ich, aber wegen Sprachbarriere redeten wir nicht miteinander. Sie schluckten das Wasser und sagten “alles gut”. Sie fragten wie ich heiße, was ich ihnen dann auch verriet.

Du hast Leben gerettet

Ich gehe nach Sólrun, und ein wenig später standen die Deutschen auf und gingen dorthin, wo ihre Sachen lagen. Dann bemerken sie, wo wir saßen, und beide kamen zu uns und begrüßten auch Sólrun. Sie sahen sehr gerührt aus und hatten Tränen in den Augen.

Nachdem sie gegangen waren sagte Sólrun, „du hast wirklich ihr Leben gerettet“. Danach habe ich mich schlafen gelegt und durchlebte das gerade erlebte noch einmal im Traum. Etwa zwei Stunden später bemerke ich, dass jemand den Namen Hans sagte und mich berührte. Ich dachte es war Sólrun, aber es war Elena. Sie hatte eine Weinflasche für uns mitgebracht und gab mir einen Zettel, worauf etwas geschrieben stand. Sie redete und redete, aber wir verstehen so gut wie nichts. Ich sagte zu Sólrun, dass wir versuchen müssen, sie später zu kontaktieren. Auf dem Zettel standen sowohl die Namen, die Adresse als auch die Telefonnummer des Ehepaares.

Kurze Zeit später machten wir uns auf den Weg nach Hause. Auf dem Heimweg sagte Sólrun irgendwann zu mir, dass sie meint verstanden zu haben, dass die Deutschen in ein paar Stunden nach Deutschland zurückreisen würden.

Zu Besuch bei ihnen

An diesem Abend hatten wir vor, in einem Restaurant essen zu gehen. Ich wollte, da wir ja jetzt die Adresse von den beiden Deutschen hatten und sie bei uns ganz in der Nähe wohnten, bei den beiden vorbeischauen und gucken, wie es ihnen geht. Als wir an der Adresse ankamen, meinte ich, den Mann entdeckt zu haben. Wir hatten sofort eine enge Verbindung zueinander. Elena sah uns und kam sofort zu uns herübergelaufen und umarmte mich und Sólrun. Auch der Mann schüttelte uns die Hände uns war außerordentlich dankbar uns gegenüber.

Ein Engel von den Färöern

Sie luden uns ein, obwohl sie gerade am packen waren für die Heimreise. Elena nannte mich immer “ihr Kind”. Sie war so unglaublich freundlich und wollte alles für uns tun. „Bei uns seid ihr immer willkommen“, „unser Haus ist jetzt euer Haus“, wiederholte sie. Nach all der Begrüßung und Freude vertiefte sich das Gespräch. Die Frau erzählte, dass sie viel über das Ereignis nachgedacht habe. Darüber, was passiert war, und wäre ich nicht gekommen, hätte sie ihren Sohn wohl nie wiedergesehen. Sie erzählte, dass viele Leute am Strand waren, als sie in Not waren. Niemand aber kam ihnen zur Hilfe, außer ein Engel von den Färöern. Du bist gekommen und hast uns gerettet.

Wir zeigten ihnen die Färöer auf der Karte. Sie wiederholte anschließend immer wieder, dass dieser Engel von so weit her gekommen war und genau in dem Moment, als sie und ihr Mann im Wasser Hilfe brauchten, an der richtigen Stelle war.

Reger Austausch

Seitdem halten wir über Internet sehr engen Kontakt zueinander. Anfangs schrieb sie, dass sie ihrer Mutter und der Familie von dem Vorfall nichts erzählt habe. Aus Angst, es würde sie zu sehr belasten. Aber ihr Sohn hat die Geschichte dann erzählt. Sie schrieb, dass wenn sie das nächste Mal in Spanien sind, den Schlüssel von ihrem Haus beim Nachbar abgeben würden, sodass Sólrun und ich oder meine Eltern immer in ihren Haus wohnen können, wenn wir wollten.

Neuer Geburtstag 29. August

In einer anderen E-Mail schreibt Elena, dass sie in zwei Tagen 54 wird und ihr Ehemann schon 67 ist und im Ruhestand ist. Ihr Mann möchte aber nicht zu Hause sitzen, weshalb er jeden Tag im Krankenhaus als Koch arbeitet. Dort arbeite sie auch als Krankenschwester. Sie wohnen zwischen Frankfurt am Main und Köln. Sie haben uns zu sich nach Deutschland eingeladen und sie versprachen uns, uns vom Flughafen abzuholen, wenn wir kommen.

Der Vorfall ereignete sich in La Marina in Spanien am 29. August dieses Jahres. Elena schrieb in einer der E-Mails, dass der 29. Augst jetzt jedes Jahr als neuer Geburtstag von ihr und ihrem Mann Paul gefeiert werden wird.


Aus dem Färöischen
von Klaus Averberg



Der Bericht Bjargaði manni og konu hansara úr vanda fyri at drukna við baðistrond erschien auf in der Zeitung Norðlýsið am 3. Oktober 2018

Die DFF-Redaktion dankt Norðlýsið-Redaktion für die Erlaubnis, die deutsche Übersetzung zu veröffentlichen.


28.03.2020

  • Pressemitteilung
  • Zeichenanzahl: 11.473
Verwandte Themen